Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Hier geht`s um die klassischen Stücke,Märsche,Techniken etc.

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Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von RealC » Dienstag 29. Oktober 2013, 18:05

Hallo zusammen,

da ich nicht aus Richtung Volks-/Blasmusik komme und nur sehr gelegentlich mal in Egerländer-Besetzungen aushelfe, bin ich auf dem Gebiet nicht sehr firm. Ich weiß also garnicht, was ich da überhaupt spiele.

Kann jemand in wenigen Sätzen die regionalen/musikalischen (insbesondere trompeterischen) Unterschiede zwischen böhmischer und mährischer Literatur sowie deren Besetzungen und Anforderungen aufzeigen?

Vielen Dank und viele Grüße

Daniel

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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von haynrych » Dienstag 29. Oktober 2013, 19:16

böhmisch => bier
mährisch => wein

___


ich, als österreicher, kann den unterschied zwischen böhmischer und mährischer musik nicht hören. beiden gemeinsam sind verzögerungen bei begleitung, signalen und schlusstönen. also etwa so: http://www.youtube.com/watch?v=KxftY2-v1FM
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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von Der Flügelhornist » Dienstag 29. Oktober 2013, 20:56

Hallo Daniel,

der große Hauptunterschied in der Stilistig sind die gebundenen Achtelketten:
Bei der mährischen Variante wird immer auf "Und" betont. Ähnlich wie bei den Swingachtel, man bleit aber duolisch.
Bei der böhmischen bleit die Betonungen wie in der Klassik.
Auch die Viertel und Halben werden im mährischen Stil oft mit einem ausgepräteren Akzent gespielt. Mehr in Richtung forte-piano und mit einen gewissen Vorschlag-Clissando nach unten, auf die Halbe bzw Viertel zu.
Aber die Grundsätze in beiden Stilen bleit gleich: nicht gebundene Achtel immer als Staccato und Vietel & Halbe immer mit normalen Akzent.

Bei den Klang der Kapellen kann man vereinfacht im verhältnis sagen:
Böhmisch: rund, weich, voll (Bevorzugung des Flügelhorn)
Mährische: hell, hart, "schrill" (Bevorzugung der Trompete)

Bestetzungunterschied:
Mährisch: nur eine Tuba, oft nur zwei Klarinette/manchmal drei (Es/1./2.) , keine Flöte,
Bekleitung: im Prinzip noch alte K&K- Bekletungssatz: 2 Es-(Alt)Trompeten und eine Basstrompete,
wobei heutzutage die Es-Trompeten durch B-Trompeten und Posaune oder durch 3 Mellaphone
(wie Mistrinaka) ersetzt werden.
Melodie: nur Verdoppelung des ersten Flügelhorn.
Böhmisch: wenn möglich 2 Tuben, oft ganzer 4-Stimmiger Holzsatz. (Flöte oder Es-Klar./1./2./3.) teilweise mit
Verdoppelungen von der ersten und/oder dritten Stimme.
Bekleitung: heutzutage meist nur 3 Posaunen, früher auch manchmal zusätzlich noch 2 Waldhörner
Melodie: Verdoppelung von 1. & 2. Flügelhorn, sowie Tenothorn und Bariton. Selten auch Verdreifachung des
ersten Flügelhorn.

So sind meine Beobachtungen in diesen Genre.

Grüße Roland

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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von haynrych » Dienstag 29. Oktober 2013, 21:16

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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von RealC » Dienstag 29. Oktober 2013, 21:46

Ganz herzlichen Dank für die Erläuterungen und Beispiele, das macht es für mich schon deutlich transparenter :-)

Ich glaube nicht, dass wir uns von der Literaturauswahl oder der Besetzung hier in den Amateurkapellen in Westdeutschland auch nur annähernd Richtung original bewegen, aber man kann es ja wenigstens versuchen. Woran erkenne ich als Trompeter bzw. Flügelhornist denn am ehesten am Notenbild (ohne die Partitur vorliegen zu haben), um welche Richtung es sich handelt und wie der Charakter des Spiels sein sollte?

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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von haynrych » Mittwoch 30. Oktober 2013, 11:24

hört man sich (vergleichend) aufnahmen von ernst mosch und der blaskapelle makos an, so erkennt man sehr deutlich, dass mosch deutlich deutscher klingt als makos. den unterschied zwischen böhmisch und mährisch würde ich nicht so genau nehmen, das "nachschieben" auf zwei und vier ist durchaus vereinbar mit der verzögerung der begleitung (wie sie - nebenbei bemerkt - auch beim wiener walzer erfolgt).

ich würde mir einfach ausreichend material von makos, tschecharanka, ... besorgen und hören.

hier noch ein schönes beispiel: http://www.youtube.com/watch?v=ZPgNg8LtbZU
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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von Polkafreund » Mittwoch 30. Oktober 2013, 13:01

RealC hat geschrieben: Ich glaube nicht, dass wir uns von der Literaturauswahl oder der Besetzung hier in den Amateurkapellen in Westdeutschland auch nur annähernd Richtung original bewegen, aber man kann es ja wenigstens versuchen. Woran erkenne ich als Trompeter bzw. Flügelhornist denn am ehesten am Notenbild (ohne die Partitur vorliegen zu haben), um welche Richtung es sich handelt und wie der Charakter des Spiels sein sollte?
Es gibt mitlerweile durchaus ,besonders in Süddeutschland mehrere Böhmisch-Mährische Kapellen, die zwar nicht nur, aber wenn schon dann sehr orginalgetreue Musik anbieten.
Dies gelingt am besten durch intensives hören, wie "haynrich" schon bemerkte.

Hinweise zur Literatur / Erkennungsmekmal:
1. Trompetenstimme meist als "Signaltrompete" oder "Obligattrompete" bezeichnet und mit markanten Übergangssignalen ( 1 Viertel Pause, 2 Achtel, 2 Viertel ) nie zu schnell spielen, eher verzögert! :-)
2. Trompetenstimme oft nicht vorhanden oder nur Nachschlag.
Flügelhorn sehr melodisch und immer wieder 2 stakatierte und leicht verzögerte Achtel als Auftakt für neue Frase.

Ist für mich schwer zu beschreiben, aber ich hoffe Du versteht es.
LG Polkafreund
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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von haynrych » Mittwoch 30. Oktober 2013, 19:15

Polkafreund hat geschrieben:Es gibt mitlerweile durchaus ,besonders in Süddeutschland mehrere Böhmisch-Mährische Kapellen, die zwar nicht nur, aber wenn schon dann sehr orginalgetreue Musik anbieten.
Dies gelingt am besten durch intensives hören, wie "haynrych" schon bemerkte.

Hinweise zur Literatur / Erkennungsmekmal:
1. Trompetenstimme meist als "Signaltrompete" oder "Obligattrompete" bezeichnet und mit markanten Übergangssignalen ( 1 Viertel Pause, 2 Achtel, 2 Viertel ) nie zu schnell spielen, eher verzögert! :-)
2. Trompetenstimme oft nicht vorhanden oder nur Nachschlag.
Flügelhorn sehr melodisch und immer wieder 2 stakatierte und leicht verzögerte Achtel als Auftakt für neue Frase.
kann ich bestätigen. auch in tirol gibt's blasmusiken die polka können! folglich nehme ich an, dass es das in süddeutschland auch geben kann. ich war als kind lange (bis in die zwanziger) obligattrompeter, oft war die zweite trompete nicht besetzt und wenn doch, dann nur um sich bei langen einsätzen abwechseln zu können. folglich kann die besetzung im hohen blech einen hinweis darstellen: zwei flügelhörner plus obligattrompete plus zweite (begleit-)trompete.
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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von Polkafreund » Mittwoch 30. Oktober 2013, 21:30

Den Bezug auf Süddeutschland habe ich nur genommen, da "RealC" von Westdeutschland spricht.
In Österreich gibt es Kapellen in dieser Besetzung, die nicht nur können, sondern absolute Spitzenklasse sind. Und was die Österreicher können, beherrschen natürlich auch die Südtiroler.
In Südmähren ist meist noch zusätzlich ein Akkordeon besetzt und es wird bei jeder Gelegenheit mitgesungen und getanzt. Lebensfreude pur, was mich total fasziniert hat. Fast jede original tschechische Polka hat einen eigenen Text.
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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von haynrych » Freitag 1. November 2013, 20:40

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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von haynrych » Samstag 2. November 2013, 17:34

sehr schönes - authentisches beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=7e8O1ikazrA
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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von Trumpetier001 » Sonntag 3. November 2013, 00:30

haynrych hat geschrieben:sehr schönes - authentisches beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=7e8O1ikazrA
Das ist ja wohl nur geil.... :D
Die Südböhmische kannte ich so noch nicht. Respekt
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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von jupiter » Sonntag 3. November 2013, 13:56

Die Besetzung, die hier landläufig als typisch böhmisch angesehen wird, ist eigentlich garnicht "Original", sondern eine Kreation von Ernst Mosch.
Die Musik, die er, aber auch Hutter, Klostermann, Guido Henn u.a. spielen, ist böhmische Blasmusik im Egerländerstil.

Hört euch mal die Blaskapelle Veselka an, der Leiter ist der Sohn von Ladislav Kubes, der die "Südböhmische" geschrieben hat.

Die Besetzung der "echten" böhmischen Kapellen ist der mährischen sehr ähnlich:
1.) Melodie: 2x Flügelhorn (teilweise auch Trompete); 2x Tenor; 2 Klarinetten (1. Es/2. B)
2.) Begleitung: Schlagzeug, Tuba, Posaune, 2x Begleittrompete in B

Charakteristisch bei den Böhmen ist die "gerade", schnörkellose Spielweise: http://www.youtube.com/watch?v=xsA-N01Zdtc

Ein Flügelhornkollege von mir, der oft als Verstärkung oder Aushilfe mitfährt, kommt aus Falkenau und hat diese Musik und die Stilistik natürlich im Blut, eine echte Bereicherung für uns.

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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von haynrych » Sonntag 3. November 2013, 17:22

das wirklich stilprägende ist meiner meinung die tatsache, dass das schleugzeug das tempo hält und die anderen sich davon ziehen lassen, der rest sind details. in meiner kindheit hatten wir einen multiinstrumentalisten, der immer trompete, flügelhorn und zwei klarinetten im kofferraum hatte. je nach notwendigkeit hat er dann trompete, flügelhorn oder klarinette gespielt (ganz selten auch grosse trommel). nur an der kleinen trommel und der posaune war nicht einsetzbar. schlagzeug war original immer getrennt - das möchte sich wohl heute noch kaum eine truppe leisten.
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Re: Unterschiede Böhmisch vs. Mährisch

Beitrag von jupiter » Montag 4. November 2013, 06:44

Das ist auch ein Merkmal, genau wie das charakteristische "humta-humta", also die strikte Trennung von Vor- und Nachschlag, das ist der eigentliche Motor dieser Musik.

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